Okinawa 2019 – Wieder Turniersieg in der Wiege des Karate

Zusammengefasst:
Die Jenaer gewinnen wieder bei dem 2019 Okinawa Traditional Kobudo World Tournament in Okinawa. David Hornig besteht die Prüfungen zum 3. Dan Shorin Ryu Karate und Kobudo.

17.7.2019
12:00
Die deutsche Delegation trifft sich am Frankfurter Flughafen auf dem Weg nach Okinawa. Auf dem Programm stehen das 20-jährige Verbandsjubiläum des Ryukyu Kobudo Tesshinkan Kyokai, der 70. Geburtstag des Tesshinkan-Gründers und Kobudo-Meisters Tamayose Hidemi und die Teilnahme am 2019 Okinawa Traditional Kobudo World Tournament.
Mit dabei sind
Shihan Frank Pelny aus Nordhausen, der Technische Direktor des Tesshinkan in Europa
Heike Prophet aus Nordhausen
Pierre und Birthe Lorenz aus Leipzig
David Hornig und Hagen Walter aus Jena
Martin Mähler aus Köln
Michaela Frost aus Garmisch

15:00
Die Teilnahmen befinden sich sicher in der Luft auf dem Weg ans andere Ende der Welt.

18.7.2019
9:00
Ankunft am Flughafen Shanghai und Boarding des Fliegers nach Naha/Okinawa.

13:00
Der Flieger befindet sich über Okinawa. Die Reisegruppe wird etwas unruhig, weil der Fliege bereits seit einer Stunde über dem Südtteil der Insel kreist.

15:00
Erneute Ankunft in Shanghai.
Der Flieger konnte aufgrund der schlechten Wetterlage nicht landen und kehrte deswegen um. Die Reisegruppe steht etwas verzweifelt da. Was mit den gestrandeten Fluggästen passieren soll, ist ungewiss.

16:00
Die Reisegruppe beobachtet seit einiger Zeit, wie das Flughafenpersonal sich einiger wütender Fluggäste erwehren muss. Wann und vor allem wie es weiter geht, ist ungewiss.

18:00
Vom Flughafen aus wird die Reisegruppe in ein Hotel nach Shanghai gefahren.
Ein Check der Wetter-App verrät, dass auch am nächsten Tag mit Unwetter und Stürmen auf Okinawa zu rechnen sei. Die Stimmung ist ein wenig getrübt. Aber was soll’s. Abwarten.

19.07.2019
9:00
Ankunft am Flughafen Shanghai und Boarding des Fliegers nach Naha/Okinawa.

11:00
Der Flieger hebt nicht ab – technischer Defekt.

13:00
Der Flieger hebt ab.

16:30
Ankunft in Okinawa. Fahrt zum Hotel im Matsuyama-Viertel.

21:00
Es stehen viele Leute mit Anzug und Krawatte in der Umgebung des Hotels. Wie sich herausstellt, befindet sich das Hotel im Vergnügungsviertel Okinawas, wo auch schon Itosu seine Techniken getestet hat. Aber anders als befürchtet ist es sehr entspannt und auch die Herren im Anzug verhielten sich den ausländischen Gästen gegenüber sehr respektvoll.

20.07.2019
Nach dem Sturm auf Shureido, einem der führenden Produzenten von Karate-Gi und Kobudo-Waffen wurde der Vormittag ausgiebig genutzt, um sich wieder einzuleben. Eine stärkende Okinawa-Soba in der Nähe der Makishi-Station, Bummel durch die überdachte Einkaufsmeile Heiwa-Dori mit ihren zahllosen kleinen Lädchen und Flanieren über die Kokusai-Dori mit dem Gelärme aus den zahlreichen Schnickschnacklädchen für Touristen. Unsere Freunde Pawel Dolgatschow aus Kaliningrad und Sergei und Igor Mirutenko aus Minsk trafen wir auch wieder.
Am Nachmittag ging zum Budokan, einem großen, mehrgeschossigen Dojo im Onoyama-Park. Dort trafen wir auch unsere Freunde aus Kanada und den USA sowie natürlich Tamayose Sensei und seine okinawaischen Schüler wieder. Viele kannten wir schon aus frühreren Besuchen in Kanada, Japan und Deutschland, andere lernten wir nun auch endlich in Persona kennen, nachdem man sich bereits durch die sozialen Netzwerke kannte.
Unter Senseis Aufsicht gingen wir das Programm für die Vorführungen für die Feierlichkeiten am nächsten Tag durch. Die deutsche Gruppe hatte recht viele Auftritte, vor allem aber auch Einzelauftritte. Das war ein deutlicher Beweis für das Vertrauen, das Tamayose Sensei uns entgegenbringt:
Maezato-no Tekko (Kata mit Schlagring, ganze Gruppe)
Shushi-no Kun Sho (Kata mit Langstock, Michaela, Heike und Birthe)
Shushi-no Kun Dai (Kata mit Langstock, Pierre, David und Martin)
Bo-tai-Sai-Kumite (Yakusoku-Kumite Langstock gegen Metallgabeln, Pierre und Martin)
Kanegawa-no Tinbe (Kata mit Schild und Speer, Hagen, Martin)
Kanegawa-no Kama (Kata mit Sicheln, Frank und Hagen)
Hamahiga-no Sai (Kata mit Sai-Gabeln, Hagen)
Choun-no Kun (Kata mit Langstock, Frank)

21.7.2019
Heute stehen die Vorführungen auf dem Programm. In einem hochklassigen Hotel in Furujima lud Tamayose Sensei ein, das 20-jährige Verbandsjubiläum und seinen 70. Geburtstag zu feiern. Die geladenen Gäste in der ersten Reihe lasen sich wie ein Who is Who des okinawaischen Karate: Higa Minoru (Kyudokan), Oshiro Nobuhiko (Taishinkan), Nakamoto Masahiro (Bunbukan), Nakazato Eisho (der Enkel Chibana Choshins, Begründer des Shorin/Kobayashi Ryu und Schüler Itosus), Uechi Tsueyoshi (Isshin Ryû), Shimabukuro Zenpo (Seibukan), Iha Kotaru und Mitsutada (Ryukonkai), Shimabukuro Tsuneo (Präsident des Okinawa Ken Kobudo Renmei), Gibo Giyo (Gibokai) und viele mehr. In Summe kam die erste Reihe auf über 200 Dans.
Die Vorführungen verliefen reibungslos und schlossen mit Tamayose Senseis Vorführung der Kugusuku-no Sai ab. Senseis Vorführung war der Beweis, dass einen Karate und Kobudo ein Leben lang begleiten können. Geschmeidig glitt Tamayose Sensei in die Stellungen schwang die Sai mühelos. Dazwischen knackige Stöße und als Höhepunkt der Kata: der Wurf mit einer Sai in Ziel aus Holz.
Nachdem Sensei wieder in Anzug und Krawatte geschlüppft war, folgte seine Dankesrede. Er freue sich, mit und dank Karate alt zu werden und Freunde auf der ganzen Welt gefunden zu haben. Sensei standen Tränen in den Augen. Einen sonst ruhigen und zurückhaltenden Japaner so zu sehen, bedeutet viel: Vertrauen. So, wie wir ihm vertrauen, vertraut er uns.

22.7.-26.7.2019
Die nächsten Tage haben wir mit Training verbracht. Nach dem gemeinsamen Kihon bereitete sich jeder auf den Wettkampf oder anstehende Prüfungen vor. Sensei ging durch die Reihen und nahm sich für jeden einzeln Zeit. Unterstützt wurde Tamayose Sensei dabei tatkräftig von seinem Sohn Tetsushi, der einstwann den Verband lenken wird.
Zwischendurch gab es natürlich auch Freizeit, die individuell genutzt wurde: Strand, Shopping, Sehenswürdigkeiten.
Am Mittwoch fand kein Training statt. Gemeinsam mit den kanadisch-okinawaischen Karate-Meistern Donald Shapland und Dan Antonsen fuhren ich, Martin und David in die Mitte der Insel zu den Burgruinen von Nakijin. Ich hätte mir vor 20 Jahren nie geträumt, gemeinsam mit Trägern des 7. und 8. Dans gemeinsam in einem Auto zu sitzen, zu scherzen und zu plauschen. Wir lernten viel über die Entwicklung des Karate und Kobudo in Kanada und Okinawa in den 70ern bis jetzt. Es war spannend bis zur letzten Minute.
Nach dem Besuch der Ruinen lud uns Dan Sensei zu einem kleinen, versteckten Juwel ein: Kishimotos Restaurant. Dieses Restaurant existiert seit knapp 120 Jahren und macht inselweit das beste Soba.
Am Donnerstag standen nach dem Training noch Prüfungen an.
David und Martin stellten sich dem 3. Dan im Kobudo und Shorin Ryu Karate bzw. dem 2. Dan Kobudo.
Leider konnten nicht alle Prüflinge ihr Ziel erreichen, aber David und Martin konnten nach Monaten intensiver Vorbereitung die Prüfungsurkunde in Empfang nehmen. Weiterhin bestanden Mark und Sara aus Kanada ihren 2. Dan, sowie Mac Newton aus Kanada den 5. Dan. Herzlichen Glückwunsch!
Yataimura – so heißt eine kleine Kneipenmeile, parallel zur Kokusai-Dori, doch gut versteckt. Auf gut hundert Metern reihen sich unter Lampions kleine Buden an einander, wo man das einheimische Bier, aber auch Tees und Habu-Sake (Schnaps im eingelegter Schlange) genießen kann. Unser kurzer Besuch war aufgrund der bestandenen Prüfungen doch gerechtfertigt.
Der Freitag war etwas ruhiger als die vorangegangenen Tage.
Am Vormittag wurden wir zum Landrat des Kreises Nanjo, wo Tamayose Sensei wohnt, eingeladen. Der Landrat unterhielt sich in ausgezeichnetem Englisch ausgiebig mit der Tesshinkan-Delegation und zeigte sich hocherfreut über die Bedeutung von Tamayose Sensei weltweit.
Danach ging es in den Karate-Kaikan, einem riesigen Dojo-Komplex mit Museum, der eigens und nur für Karate errichtet wurde. Dort registrierten wir uns für das Tournier.

27.7.2019
Der erste Turniertag findet am Sonnabend statt. Die Waffen werden gewogen und die Listem kontrolliert. Unter den Kampfrichtern sitzen ehemalige Top-Athleten wie Nakamoto Mamoru (mehrfacher Weltmeister mit Sai) und Iha Mitsutada.
Zu Beginn des Tourniers marschieren die Teilnehmer geordnet nach Verbänden auf. Nach einigen Reden der Verbandsfunktionäre und Grußworten des Präfekten von Okinawa, findet die Vereidigung der Sportler statt. Dazu tritt ein Athlet nach vorn und hält einen Schwur. Der ausgewählte Athlet war – Hagen aus Jena.
Danach beginnen die Wettkämpfe. Zu allererst Bô-Kata. Frank, der der älteste Starter in seiner Kategorie war, schafft es unter die ersten zwei seines Pools, doch leider kommt nur der beste seines Pools weiter. In der Kategorie der Senioren schafft es der weißrussiche Athlet Sergei Mirutenko all seine Konkurrenten mit dem Bô hinter sich zu lassen – und so gewinnt er erneut – wie 2015.
Mit den Sai, sieht es schon besser aus. Michaela Frost verpasst das Podest nur knapp und wird Vierte – so wie Martin Mähler bei den Herren. Martin konnte sich im Vergleich zu 2018 sogar um einen Platz verbessern. Unsere kanadische Athletin Sara konnte sich sogar die Bronzemedaille sichern. Wo wir bei Kanada sind: Dan Antonsen konnte sich in der Kategorie der älteren Herren gegen die japanische Konkurrenz durchsetzen und wurde mit Silber belohnt. Ebenso wurde mit Silber Igor Mirutenko aus Minsk belohnt. Igor musste sich nur Hagen aus Jena geschlagen geben. Für Hagen ging ein kleiner Traum in Erfüllung: Zum dritten Mal nun hat Hagen in Japan mit Sai gewonnen.
Wie hat sich der Tesshinkan geschlagen? Insgesamt ziemlich gut, wenn man bedenkt, dass das Tesshinkan-Kobudo eine in beiden Sinnen geerdete Schule ist: keine Zauberei, kein Schnickschnack, keine Show – sondern nur das Nötigste, dafür aber richtig.

28.7.2019
Tag zwei des Turniers: Bo-Shiai. Freikampf mit Stöcken und Rüstungen. Aus dem Tesshinkan hat nur Igor Mirutenko teilgenommen – und schied leider in der ersten Runde aus.
Eine der größten Schwierigkeiten beim Bo-Shiai ist der Verlust der Raumtiefe durch das Gitter des Helms sowie durch den begrenzten Sichtbereich.
Nach dem Turnier fanden noch Seminare mit 4 Größen des Kobudo statt: Nakamoto Masahiro (Nunchaku), Kinjo Masakazu (Tunfa), Shimabukuro Tsuneo (Sai) und Iha Kotaru (Bô).
Am selben Abend noch traf man sich nach den Trainings noch zur Abschlussparty – übrigens im gleichen Hotel, wo wir eine Woche zuvor gefeiert haben. Die Kampfrichter wirkten nun wesentlich entspannter und weniger streng und auch Tamayose Sensei, der einer Organisatoren des Turniers war, wirkte sichtlich entspannter. Alles in allem war es ein sehr schöner Abend

29.07.2019
Eigentlich hätten wir heute ausschlafen können, aber wir hatten noch einmal die Gelegenheit vor der Abreise zu Tamayose Sensei in das kleine Dojo in Ozato zu kommen. Unter der Anleitung von Senseis Sohn trainierten wir noch einmal drei Stunden lang Shorin Ryu-Karate. An dieser Stelle möchten wir uns nochmal bei Tamayose Tetsushi Sensei für das Training und bei Don Shapland für das Dolmetschen bedanken. Nachdem wir von Familie Tamayose noch zum Mittagessen eingeladen worden waren, ging es an den Strand und dann ins Hotel.
Die Abschiedsfeier stellte nochmal einen kleinen Höhepunkt dar. Man unterhielt sich auf Englisch und Japanisch so gut es ging und teilte Anekdoten. Tamayose Sensei war entspannt und glücklich – so wie wir.

30.07.2019
Bevor wir uns auf den Rückweg machten, wurden noch allerletzte Einkäufe erledigt. Ich hatte sogar das Glück, einen Taxifahrer zu haben, der auch Karate und Kobudo trainierte. Das waren 20 unterhaltsame Minuten Fahrt. Wie sich herausstellte, hatten wir auch beide die gleiche Lieblingssai-Kata.
Dann wurde es 15:00. Sensei fuhr uns zum Flughafen und man nahm Abschied. So schnell gingen zwei Wochen vorbei.
An dieser Stelle vielen Dank an die Familie Tamayose für das Training und die Gastfreundschaft und vielen Dank an Frank Pelny, der die Reise organisiert hat.

Der Rückflug verlief übrigens ohne Probleme.

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